Sooft ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut. Die Geschichte wird in einem Lied von Reinhard Mey erzählt. Es geht um einen zwölfjährigen Jungen, der sich mit seinem miserablen Zeugnis nicht nach Hause traut. Er beschließt, aus Angst die Unterschriften seiner Eltern zu fälschen.

Unglücklicherweise fälscht er aber so schlecht, dass die Lehrkräfte Verdacht schöpfen. Noch am selben Tag werden die Eltern mit dem Jungen in die Schule einbestellt. Dann kommt die Szene, die mich richtig berührt:
Reinhard May singt, wie der Junge es erlebt: „Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch die Mutter bestätigt ohne Zögern persönlich unterschrieben zu haben. Ist das nicht eine krasse Geschichte? Man kann natürlich darüber streiten, ob das moralisch in Ordnung ist, ob Eltern so ihre Kinder decken dürfen, aber darum geht es in dieser Geschichte nicht.
Mich bewegt vielmehr wie die Eltern trotz des schlechten Zeugnisses, trotz des Betrugsversuchs ihres Sohnes hinter ihm stehen, selbstverständlich, unerschütterlich. Könnten wir nicht sagen der Junge hat Gnade erfahren.
Gestärkt durch das Reformationsjubiläum gehen wir nun in die Advents- und Weihnachtszeit: Gott kommt uns nahe! Er schenkt uns seine Nähe, sein „Genahen“.
Er steht hinter uns, selbstverständlich, unerschütterlich. Das ist die wunderbare Botschaft, die wir Menschen sagen können, sogar ihnen zusprechen können. So gut das ist, die Botschaft kann auch missverstanden werden.
Wenn „Gnade“ zum Prinzip, zur Selbstverständlichkeit ja zum System wird, wenn Sündenvergebung nur noch allgemeine Wahrheit und die Liebe Gottes
zur christlichen Gottesidee wird, dann wird alles falsch. Kein geringerer als Dietrich Bonhoeffer zeigt uns, dass „Gnade“ teuer ist und sein muss. Gnade kostet viel! Sie hat Jesus von Nazareth einen schmerzlichen Weg in unsere Welt abverlangt. Denn Weihnachten bedeutet nicht, dass hier ein kleines, süßes Kind in die Welt kommt oder dass dem Leben doch noch eine Chance gegeben wird. Weihnachten heißt: Der große Gott geht in seiner Liebe einen schweren Weg für uns, er kommt in unsere Dunkelheit und stellt sich neben mich, selbstverständlich, unerschütterlich.
Wenn wir nicht mehr aufzeigen, dass die Nähe Gottes auch einen unbedingten Ruf an uns Menschen bedeutet, in die konkrete, alltägliche Nachfolge Jesu einzuwilligen, dann ist die Gnade zu billig. Sie ist ein Produkt des Supermarktes, einer schnelllebigen Zeit, ein Produkt des Konsums,, wie so vieles an Weihnachten.

Aber es ist nicht mehr die Liebe Gottes, die wir in dem Kind Jesus sehen.

Mit herzlichen Weihnachtsgrüßen

Ihr Gemeindepfarrer Joachim Knab

Tageslosung vom 21.01.2018
Letzter Sonntag nach Epiphanias
Ich will deinen Namen preisen für deine Güte und Treue; denn du hast dein Wort herrlich gemacht um deines Namens willen.
Jesus betet: Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren.

Deuteronomium 5, 14

Die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde kooperiert mit der Johannesgemeinde Emmendingen.